January 2004
Perfect Strangers
Cover p. 30 p. 31
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Mit Kobi Israel verbindet sich eine der größten Erfolgsgeschichten des Jahres 2003. Obwohl die Arbeiten dieses Fotografen in erster Linie schwule Erfahrungswelten ansprechen, geht ihre Schönheit weit über eine solche Begrenzung hinaus. Jamie Hakim berichtet über die enormen Auswirkungen dieses Jahres und über seine neue Serie "Intimate Strangers" (in etwa: "Vertraute Fremde", Anm. d. Ü.), die er exklusiv für Attitude präsentiert. 

Kobi Israel steht im obersten Geschoß der National Portrait Gallery und starrt versunken auf London, wo der Fotograf israelischer Herkunft seit einem Jahr lebt. Vier Stockwerke tiefer hängt eines seiner Fotos, "1700". Es zeigt das Bild eines jungen Mannes hinter einem Früchtekiosk in Tel Aviv, etwa in derselben Pose, die Kobi nun einnimmt. Es ist eines seiner bekanntesten Bilder und zugleich eines von 60 Portraits, die aus insgesamt 3000 Einsendungen zum " Schweppes Preis 2003 für Portraitfotografie" nominiert wurden, dem bedeutendsten seiner Art in Großbritannien. 

Nicht schlecht für einen Fotografen, dessen erstes Buch "Views" vor gerade einmal sechs Monaten erschienen ist, nur für ein schwules Publikum bestimmt war und noch dazu schlecht vermarktet wurde. Der Verlag Bruno Gmünder ist bekannt für seine "erotischen Publikationen", die meist vom Kaffeetisch unters Bett wandern, und das Presseecho beschränkte sich auf einige unbedeutende Blätter der Szene. Sein Interview mit "Time Out" erschien nicht in der Rubrik Kunst, sondern im schwul-lesbischen Teil, und seine erste Ausstellung innerhalb von Großbritannien fand in der Londoner Schwulenbar "The Box" statt. Gemessen an früheren Karrieren, würden Kobis Bilder sich jetzt auf diversen Flyern für irgendwelche Clubs sowie in obskuren Büchern mit Nacktfotos wiederfinden, die lediglich in der Old Compton Street (Zentrum der Londoner Schwulenszene, Anm. d. Ü.) verkauft werden. 

Stattdessen ist Kobi Israel wahrscheinlich der einzige Fotograf, der es aus der Schwulenszene heraus geschafft und außerhalb von ihr zu Erfolg gebracht hat. Und das liegt an der großzügigen Einstellung, mit der er traditionell schwule Themen behandelt – der nackte männliche Körper, der Soldat, ein schwules Paar in häuslicher Umgebung, dasselbe Paar in inniger Umarmung – und damit viele seiner Zeitgenossen ziemlich jämmerlich erscheinen lässt. Die dargestellten Männer sind zwar nackt, aber in dieser Nacktheit geht es um Intimität – um die Körper von Liebenden, nicht nur um ihre Schwänze. Die Fotoserie israelischer Soldaten, die von allen den höchsten Wiedererkennungswert hat, ist von derselben Ästhetik durchdrungen. Das bekannteste Bild dieser Serie zeigt eine Gruppe von Männern, die sich, nur in Unterhosen, entspannt um einen Armeejeep gruppiert, als wollte sie auf diese Weise der Wüste entfliehen. Aber entgegen der gewohnten Betrachtungsweise benützt Kobi diese Szenerie, um die Brüche in der israelischen Machokultur aufzuzeigen, in denen so etwas wie Zärtlichkeit aufblitzt.

 Und anstatt sich auf seinen Lorbeeren auszuruhen, folgt er seiner Berufung und veröffentlicht nun die bisher beeindruckendste seiner Serien, "Intimate Strangers".

 Womit hast du dich beschäftigt seit der Veröffentlichung von "Views"?

 Ich habe ständig neue Projekte. Ich folge stets meinen Ideen und schlage neue Richtungen ein. Es ist mir wichtig zu betonen, dass die schwulen Projekte nur ein Teil meiner Arbeit sind.  Ich mache auch vieles andere. Wenn du wirklich einen Eindruck meiner Arbeit bekommen willst, schau auf meine Website (www.kobi-israel.com). Wohin sich meine Arbeiten im schwulen Kontext bewegen, sieht man in "Intimate Strangers", meinem neuesten Projekt. Abgesehen von einem brasilianischen Modell wurden die Bilder in London aufgenommen. Es begann alles mit meiner letzten Beziehung. Als sie zerbrach, übersiedelte ich nach London und begann mit dieser Serie. Sein Name ist Gadi, und er findet sich in den Bildern wieder. Sie sind ganz anders als die in meinem letzten Buch. Aber es gibt auch Fotos, die andere Themen zum Inhalt haben: Reisebilder, Schiffe in Griechenland, Architektur in Toronto, schwule Strände, Flughäfen, Luftbilder von Las Vegas... Diese Arbeiten unterscheiden sich sehr von den schwulen Bildern, die mich bekannt gemacht haben, aber sie handeln von denselben Gefühlen. In allen diesen Bildern geht es sehr um private, um unbewusste Gefühle.

 Und das heißt?

 Mich zu sehr über dieses Thema auszulassen würde mich nur verwirren. Die Fotos sprechen für sich selbst. Ich folge lediglich meinem Gefühl und meiner Leidenschaft. Landschaften, Menschen, Emotionen... alle meine Projekte handeln letztlich davon, was mich im täglichen Leben umgibt.

Ärgert es dich, dass gerade deine Männerfotos am bekanntesten sind, wo du doch an einer weitaus größeren Vielfalt von Themen interessiert bist?

 Es ist mir sehr wichtig, dass die Leute die ganze Bandbreite meiner Persönlichkeit und meiner Arbeit sehen. Wenn meine Arbeit auf diese Weise bekannt wird, ist mir das recht, aber ich wünsche mir sehr, dass auch meine übrigen Sachen wahrgenommen werden. Das wird vermutlich etwas dauern, aber irgendwann wird man sehen, dass sich meine Arbeit nicht auf schwule Themen beschränkt.

 Die Galerien interessieren sich inzwischen sehr für dich, oder?

 Ich war in der engeren Wahl zum Schweppes Preis 2003 für Portraitfotografie, und mein Bild "1700" wird jetzt in der National Portrait Gallery ausgestellt. Dasselbe Bild war zuvor schon in der Auswahl zum Offenen Wettbewerb der Association of Photographers im Osten von London und hat dort den Preis der Jury gewonnen. Es ist mehrmals veröffentlicht worden und nur eines von vielen, die innerhalb der Schwulenszene veröffentlicht worden sind. Auch der Erfolg von "Views" war nicht auf die Szene beschränkt. Das Buch wurde in der Photographer's Gallery und im Zwemmer Media-Shop in der Charing Cross Road angeboten.

 Genau das ist ja so interessant an deinen Arbeiten. Es sind zwar homoerotische Darstellungen von Männern, aber keine "schwulen" Fotos. Sie sind mehr als das. Es gibt so viele schwule Bilder, die nur innerhalb der Szene bekannt sind, aber für deine Fotos gilt das nicht.

 Weil sie nicht auf Sex, sondern auf Erotik abzielen. Und weil ich mich mit meiner Arbeit nicht allein an die Szene wende. Ich möchte, dass "normale" Leute meine Fotos so betrachten, wie sich Schwule sogenannte "normale" Kunst ansehen. So wie uns zum Beispiel das Bild eines Mannes und einer Frau gefallen kann, sollen Heteros dasselbe bei der Darstellung schwuler Beziehungen empfinden können. Viele meiner Arbeiten sind längst nicht nur in der Szene bekannt: "1700" etwa war auf der Website der israelischen Botschaft zu sehen. Und nicht nur die Schwulenszene, auch die jüdische Gemeinschaft macht viele Interviews mit mir. Meine Arbeit trägt langsam Früchte und das freut mich wirklich sehr.

 Was ganz sicher an der Qualität deiner Arbeit liegt. Wie gesagt, manche Fotografen machen schwule Bilder, und damit hat es sich. Aber bei deinen scheint es doch um mehr als nur darum zu gehen, schöne Männer anzugaffen.

 Sie sind immer noch eindeutig schwul, aber das ist nicht der Punkt. In meinem Buch zum Beispiel geht es mehr um die Gefühle zwischen den Soldaten, zwischen Menschen. Wenn du alle Fragen, die meine Arbeit aufwirft, auf eine einzige zurückführst, hast du das Thema meines neuen Projekts, "Intimate Strangers". Darin erforsche ich, was Intimität für mich bedeutet. Die kann es mit einem langjährigen Beziehungspartner genauso geben wie beim Ansehen von Modelfotos oder wenn man auf der Straße an jemandem vorbeigeht - eine Sekunde Augenkontakt kann mehr bedeuten als ein one night stand. Und genau das ist für mich Intimität. In meinem Fall spielt sie sich zwischen zwei Männern ab, aber es könnten ebenso gut Mann und Frau sein, zwei Frauen, zwei lebende Wesen.

 Wen außer deinem Exfreund ist noch in "Intimate Strangers"? Wer ist zum Beispiel das brasilianische Model?

 Er ist der einzige, den ich nicht in London aufgenommen habe, sondern während einer Reise nach Brasilien. Er ist nicht mal schwul, und es ist auch nichts zwischen uns vorgefallen. Mit den meisten der Modelle in diesem Projekt habe ich die Grenze zu Sex nie überschritten. Einige sind hetero, einige sind ein Teil meines Lebens – Liebhaber, one night stands und andere Leute.

 Und wer ist der junge Mann im Bad?

 Das ist Julian, ein sehr sympathischer Franzose, den ich in einer Bar kennengelernt habe. Ich fand sein Lächeln ausgesprochen anziehend. Er kannte meine Website und wir tranken zusammen Kaffee. Schon zwei Stunden später machte ich die Aufnahmen, und das Shooting war sehr intensiv. Er vertraute mir, und es stellte sich eine erstaunliche Nähe zwischen uns ein, eine starke Verbindung, die man auch auf den Fotos sehen kann. Deshalb mag ich diese Bilder so sehr.

Und das nach gerade mal zwei Stunden?

 Es war unser erstes Treffen und die Verbindung war so stark, dass ich spürte, ich musste in meine Wohnung zurück. Ich wusste nicht, was ich tun wollte, ich wusste nur, dass ich das Gefühl in diesem Augenblick einfangen und festhalten wollte.

 Und diese Intimität hast du in deinen berühmten Bildern der israelischen Soldaten eingefangen. Viele Leute verstehen diese besondere Nähe unter israelischen Soldaten nicht.

 Sie ist außergewöhnlich stark. Das macht es für einen Schwulen auch so verwirrend, weil man oft nicht sagen kann, wo die schmale Linie zwischen homosozialen und homoerotischen Kontakten verläuft. In der israelischen Armee ist diese Bindung sogar stärker als zwischen einem Soldaten und seiner Freundin. Genau das wird mit der Bezeichnung 'achva' ausgedrückt, 'Bruderschaft'. Sie bedeutet, dass man alles für seine Kameraden tun würde. Und sie wird vom Militär unterstützt, um die Effektivität der Armee zu erhöhen. Aber wenn man schwul ist und gerade achtzehn, kann das sehr quälend sein.

 Wussten deine Kameraden, dass du schwul bist?

 Nein, ich hatte zu große Angst. Als Schwuler hat man es nicht leicht beim Militär, weil es sehr von Machismo geprägt ist.

 Ich glaube, deshalb sind diese Bilder auch so kraftvoll. Obwohl die israelische Armee für ihren Machismo bekannt ist, hast du dennoch so viel Zärtlichkeit zwischen den Soldaten eingefangen. Welche Rolle spielt die sexuelle Komponente dabei?

 Als Soldat muss man vor allem seine Pflicht erfüllen. Ich wollte kein Soldat werden und ich trage auch nicht gern Waffen, aber es war nicht meine Entscheidung. Viele Leute haben ihre Fantasien von Soldaten und glorifizieren diese, aber wenn man als 18jähriger Uniform trägt, ist man in erster Linie verängstigt. Man hat keine Kontrolle über sein Leben. Als Kameraden sind wir menschliche Wesen und sogar Freunde. Das ist eine sehr intensive emotionale Erfahrung, und nach sechs Monaten Training entstehen Freundschaften fürs Leben. Aber mit schwulen Männern möchte man auch andere Dinge machen (lacht).

 Ist das überhaupt möglich beim Militär?

 Ich habe mich den Spielregeln angepasst und nichts gemacht. Ich benahm mich selbst wie ein Macho, ich hatte mein Motorrad und meine Pistole. In der Armee und auch in der Zeit danach – ich war Flugbegleiter – wusste keiner, dass ich schwul bin. Obwohl ich seit acht Jahren in einer Beziehung lebte, ging ich kaum in die Szene. Und als ich mich dann von meinem Freund trennte, begann ich Fotos von jungen Männern zu machen. Alle Fotos in "Views" stammen aus der Zeit meines Coming-outs und sind ein wichtiger Bestandteil meiner Persönlichkeit und meiner Lebensweise.

 Es sind also nicht Soldaten aus deiner Einheit?

 Nein, das sind keine Dokumentaraufnahmen. Ich habe die Szenen an bestimmten Schauplätzen mit Freunden und deren Freunden nachgestellt. Diese Bilder stammen nicht aus dem wirklichen Leben, aber sie geben die Gefühle wieder, die ich seit jeher hatte. Manche davon sind gestellt, manche nicht.

 Die israelische Armee ist politisch gesehen zur Zeit ein heißes Thema, und ein Buch, das die Schönheit ihrer Soldaten verherrlicht, muss einige Aufregung verursacht haben.

 Ich versuche nicht, den Krieg zu verherrlichen, noch sage ich etwas über die israelische Armee oder israelische Soldaten, im Gegenteil. Ich sage etwas über die Gefühle von Menschen, die zufällig Soldaten sind, weil das ein Teil meines Lebens war. Peter Tatchell verglich in einem Kommentar im Boyz Magazine israelische Soldaten mit der SS der Nazis. Als ich ihn eine Woche später bei der Gay Pride Parade sah, ging ich auf ihn zu, stellte mich ihm vor und gratulierte ihm zu seiner politischen Arbeit. Ohne seinen Kommentar zu erwähnen, sah ich ihm in die Augen, damit er erkennen konnte, dass ich nicht so bin wie die SS. Ich glaube nicht, dass es notwendig war, irgend etwas zu sagen. Ich bekomme viele E-mails von Arabern, ich bekomme Anrufe aus Marokko, Algerien, Saudi-Arabien, dem Libanon, und jemand hat alle Texte aus meinem Buch ins Arabische übersetzt. Das sind Menschen, die hinter die Uniform schauen können.

  © Attitude, Jamie Hakim

Übersetzung aus dem Englischen © Jörg Feiertag (willard@utanet.at)

Kobi Israel mag die Bezeichnung "Fotograf" nicht. "Ich möchte nicht anmaßend erscheinen, aber ich bezeichne mich nicht gern als 'Fotografen'", sagt er voller Zurückhaltung. "Das klingt viel zu technisch, um mein Verhältnis zur Kamera zu beschreiben. Ich benutze die Kamera wie eine Verlängerung meines Körpers und meiner Sinne, so wie ich meine Augen oder Hände benutze. Wenn ich 'fotografiere', fühle ich, erforsche ich, fantasiere ich, entdecke ich, versuche ich zu verstehen..."
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