July 9-16 No.1716
   
   
"This Week" p. 47
 
P. 104
         

Kobi Israel mag die Bezeichnung "Fotograf" nicht. "Ich möchte nicht anmaßend erscheinen, aber ich bezeichne mich nicht gern als 'Fotografen'", sagt er voller Zurückhaltung. "Das klingt viel zu technisch, um mein Verhältnis zur Kamera zu beschreiben. Ich benutze die Kamera wie eine Verlängerung meines Körpers und meiner Sinne, so wie ich meine Augen oder Hände benutze. Wenn ich 'fotografiere', fühle ich, erforsche ich, fantasiere ich, entdecke ich, versuche ich zu verstehen..."

 Das müssen harte Zeiten sein für unseren 'Fotografen' wider Willen. Erst seit drei Monaten in London, kann er doch als einer der am schnellsten emporstrebenden fotografischen Talente der Stadt bereits drei Ausstellungen für sich verbuchen, und eine vierte ist für November geplant. "The Metaphysical City" ("Die metaphysische Stadt") ist derzeit im Maison Bertaux zu sehen, im August dann die "Open Exhibition" der AOP in der Old Street, und in dieser Woche erscheint sein erstes Buch "Kobi Israel Views", begleitet von einer Ausstellung in The Box.

 Die Bilder, die jetzt in dieser Schwulenbar von Covent Garden gezeigt werden, sind nicht repräsentativ für Israels Arbeit (er sagt, schwule Themen machen nur etwa 20% seiner Arbeit aus), aber sie werden von den dortigen Stammgästen mit Sicherheit gut aufgenommen. Angesiedelt irgendwo zwischen den homoerotischen Ansprüchen von Herb Ritts und dem verspielten Kitsch von Pierre and Gilles, bilden Israels Schnappschüsse von mürrisch-launischen Obstverkäufern und glutäugigen israelischen Soldaten den idealen Hintergrund für einen unterhaltsamen Abend in The Box.

 Und gleichwohl gibt es da diese besondere Intimität in seinen Bildern, die fast alle der eigenen, persönlichen Erfahrung entspringen. Geboren und aufgewachsen in Bat-Yam, einer kleinen Stadt südlich von Tel-Aviv, trat Israel mit 18 Jahren der Armee bei. (Israel ist wirklich sein Name, Kobi jedoch eine Abwandlung von Jakob, einem biblischen Namen, der ebenfalls 'Israel' bedeutet.)

 Während er sich damit herumschlug, schwul zu sein, nahm er an den Ritualen der Männerfreundschaft in der Kaserne Teil, ehe er sich in die Nacht davonschlich, um seine Bedürfnisse in den bekannten schwulen cruising areas zu befriedigen, immer voll Angst, jemand könnte ihn erkennen.

 "'Achva', die Bruderschaft, ist eines der am meisten geschätzten Prinzipien in der israelischen Armee", erzählt er uns, "und sie liegt manchmal nicht weit von Homoerotik entfernt. Israelische Männer schrecken nicht wie andere vor Zuneigung zurück. Soldaten umarmen und küssen einander, "Ich liebe dich, mein Bruder" ist unter ihnen ein üblicher Gruß, und manchmal müssen wir auch Bett oder Dusche miteinander teilen. Aber bei 'Achva' geht es nicht um die sexuelle Orientierung, und deshalb kann die ausschließlich männliche, ja machohafte Atmosphäre in der Armee sowohl einschüchternd als auch verwirrend sein, wenn man so wie ich seine eigene Sexualität in Frage stellt."

 Israel trat mit 21 Jahren aus der Armee aus und zog gemeinsam mit seinem Freund in eine Wohnung. Er hatte sein coming out mit seiner älteren Schwester, aber erst drei Jahre später fand er den Mut, seinen Eltern von sich zu erzählen. "Ich sprach mit meiner jüngsten Schwester, aber sie konnte ihren Mund nicht halten und redete mit meiner Mutter. Als ich erfuhr, dass meine Mutter bereits alles wußte, fasste ich den Entschluss, mutig zu sein und selbst mit ihr zu reden. Ich erinnere mich noch gut, wie peinlich mir dieser Moment war. Wir saßen in einer ruhigen Ecke eines Kaffeehauses und ich versuchte, die richtigen Worte zu finden, während der Kellner mit mir flirtete und meine Telefonnummer haben wollte." 

Die Bilder in "Kobi Israel Views" und die begleitende Ausstellung thematisieren die Konflikte, die er als Heranwachsender in der traditionellen israelischen Gesellschaft erfuhr,  während er seine eigene Sexualität erforschte. Für einige der Bilder kehrte Israel sogar nach Tel Aviv und den Schauplätzen seiner jugendlichen Begegnungen zurück, um die damaligen Augenblicke wiedereinzufangen. 

Aber diese Bilder sind keineswegs typisch für seine Arbeit. Die meiste Zeit verwendet er für Reisefotografie und für "urban landscapes", Stadtlandschaften. Israels erster Erfolg war die Nominierung seiner Aufnahme der Prager Karlsbrücke für den "Time Out Travel Photography Award" im Jahre 1997. Und letzten Monat widmete ihm Time Out Tel-Aviv, unsere israelische Ausgabe, einen zweiseitigen Bericht. 

Irgend etwas sagt mir, dass wir damit nicht zum letzten Mal von ihm hören werden.

 "Kobi Israel Views" wurde im Verlag Bruno Gmünder veröffentlicht und ist um umgerechnet £12.95 erhältlich.

 © Time Out Magazine, Paul Burston  

Übersetzung aus dem Englischen © Jörg Feiertag (willard@utanet.at)

Attitude
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Mit Kobi Israel verbindet sich eine der größten Erfolgsgeschichten des Jahres 2003. Obwohl die Arbeiten dieses Fotografen in erster Linie schwule Erfahrungswelten ansprechen, geht ihre Schönheit weit über eine solche Begrenzung hinaus. Jamie Hakim berichtet über die enormen Auswirkungen dieses Jahres und über seine neue Serie "Intimate Strangers" (in etwa: "Vertraute Fremde", Anm. d. Ü.), die er exklusiv für Attitude präsentiert. 
 
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