| Kobi
Israel mag die Bezeichnung "Fotograf" nicht. "Ich möchte nicht
anmaßend erscheinen, aber ich bezeichne mich nicht gern als 'Fotografen'",
sagt er voller Zurückhaltung. "Das klingt viel zu technisch, um mein
Verhältnis zur Kamera zu beschreiben. Ich benutze die Kamera wie eine
Verlängerung meines Körpers und meiner Sinne, so wie ich meine Augen oder
Hände benutze. Wenn ich 'fotografiere', fühle ich, erforsche ich, fantasiere
ich, entdecke ich, versuche ich zu verstehen..."
Das
müssen harte Zeiten sein für unseren 'Fotografen' wider Willen. Erst seit
drei Monaten in London, kann er doch als einer der am schnellsten emporstrebenden
fotografischen Talente der Stadt bereits drei Ausstellungen für sich verbuchen,
und eine vierte ist für November geplant. "The Metaphysical City"
("Die metaphysische Stadt") ist derzeit im Maison Bertaux zu
sehen, im August dann die "Open Exhibition" der AOP in der Old
Street, und in dieser Woche erscheint sein erstes Buch "Kobi
Israel Views", begleitet von
einer Ausstellung in The Box.
Die
Bilder, die jetzt in dieser Schwulenbar von Covent Garden gezeigt werden,
sind nicht repräsentativ für Israels Arbeit (er sagt, schwule Themen machen
nur etwa 20% seiner Arbeit aus), aber sie werden von den dortigen Stammgästen mit Sicherheit gut aufgenommen. Angesiedelt irgendwo zwischen den homoerotischen Ansprüchen von Herb
Ritts und dem verspielten Kitsch von Pierre and Gilles, bilden Israels
Schnappschüsse von mürrisch-launischen Obstverkäufern und glutäugigen
israelischen Soldaten den idealen Hintergrund für einen unterhaltsamen
Abend in The Box.
Und
gleichwohl gibt es da diese besondere Intimität in seinen Bildern, die
fast alle der eigenen, persönlichen Erfahrung entspringen. Geboren und
aufgewachsen in Bat-Yam, einer kleinen Stadt südlich von Tel-Aviv, trat
Israel mit 18 Jahren der Armee bei. (Israel ist wirklich sein Name, Kobi
jedoch eine Abwandlung von Jakob, einem biblischen Namen, der ebenfalls
'Israel' bedeutet.)
Während
er sich damit herumschlug, schwul zu sein, nahm er an den Ritualen der
Männerfreundschaft in der Kaserne Teil, ehe er sich in die Nacht davonschlich,
um seine Bedürfnisse in den bekannten schwulen cruising areas zu befriedigen,
immer voll Angst, jemand könnte ihn erkennen.
"'Achva',
die Bruderschaft, ist eines der am meisten geschätzten Prinzipien in der
israelischen Armee", erzählt er uns, "und sie liegt manchmal
nicht weit von Homoerotik entfernt. Israelische Männer schrecken nicht
wie andere vor Zuneigung zurück. Soldaten umarmen und küssen einander,
"Ich liebe dich, mein Bruder" ist unter ihnen ein üblicher Gruß,
und manchmal müssen wir auch Bett oder Dusche miteinander teilen. Aber
bei 'Achva' geht es nicht um die sexuelle Orientierung, und deshalb kann
die ausschließlich männliche, ja machohafte Atmosphäre in der Armee sowohl
einschüchternd als auch verwirrend sein, wenn man so wie ich seine eigene
Sexualität in Frage stellt."
Israel
trat mit 21 Jahren aus der Armee aus und zog gemeinsam mit seinem Freund
in eine Wohnung. Er hatte sein coming out mit seiner älteren Schwester,
aber erst drei Jahre später fand er den Mut, seinen Eltern von sich zu
erzählen. "Ich sprach mit meiner jüngsten Schwester, aber sie konnte
ihren Mund nicht halten und redete mit meiner Mutter. Als ich erfuhr,
dass meine Mutter bereits alles wußte, fasste ich den Entschluss, mutig
zu sein und selbst mit ihr zu reden. Ich erinnere mich noch gut, wie peinlich
mir dieser Moment war. Wir saßen in einer ruhigen Ecke eines Kaffeehauses
und ich versuchte, die richtigen Worte zu finden, während der Kellner
mit mir flirtete und meine Telefonnummer haben wollte."
Die Bilder in "Kobi Israel Views" und die
begleitende Ausstellung thematisieren die Konflikte, die er als Heranwachsender
in der traditionellen israelischen Gesellschaft erfuhr, während er seine eigene Sexualität erforschte.
Für einige der Bilder kehrte Israel sogar nach Tel Aviv und den Schauplätzen
seiner jugendlichen Begegnungen zurück, um die damaligen Augenblicke wiedereinzufangen.
Aber diese Bilder sind keineswegs typisch
für seine Arbeit. Die meiste Zeit verwendet er für Reisefotografie und
für "urban landscapes", Stadtlandschaften. Israels erster Erfolg
war die Nominierung seiner Aufnahme der Prager Karlsbrücke für den "Time
Out Travel Photography Award" im Jahre 1997. Und letzten Monat widmete
ihm Time Out Tel-Aviv, unsere israelische Ausgabe, einen zweiseitigen
Bericht.
Irgend etwas sagt mir, dass wir damit nicht
zum letzten Mal von ihm hören werden.
"Kobi
Israel Views" wurde im Verlag
Bruno Gmünder veröffentlicht und ist um umgerechnet £12.95 erhältlich.
© Time Out Magazine, Paul Burston
Übersetzung aus dem Englischen © Jörg Feiertag (willard@utanet.at)
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