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"men" Magazine- Germany (April 2003)
   

 

 
     
   
     
 

Brüderliche Liebe 

Die Soldaten seines Heimatlandes sind Kobi Israels Hauptthema. Sein erster Fotoband beschreibt eine Reise in die Verwirrung der Gefühle: Männer, die sich umarmen, küssen und lieben. Aber schwuler Sex zwischen diesen Männern ist ein Tabu ... 

Mein Buch ist eine Reise in die Welt meiner Erinnerungen und Gefühle. Es ist ein Versuch, Erlebnisse aus meinem Leben als junger Israeli in Bilder zu fassen. Ich bin in einer »Macho«-Gesellschaft aufgewachsen, in der die Gefühle zwischen Männern meist stark und herzlich sind. Es gibt aber eine genau definierte Grenze zwischen einer »brüderlichen« Umarmung und einer Umarmung, die Liebe und Begehren ausdrückt. Diese Grenze zu überschreiten ist gefährlich.

Diese haarscharfe Trennung spielt im soldatischen Leben eine sehr große Rolle. Im Hebräischen ist »Ani Ohev Otcha Achi!« (Ich liebe dich, mein Bruder!) gängige Begrüßungsformel. Alle israelischen Männer über 18 müssen für drei Jahre zur Armee. Jeder steht vom ersten Tag unter der genauer Kontrolle seiner Vorgesetzten. Der Einzelne geht in einem kollektiven Dasein auf, das voller gegensätzlicher Gefühle ist: Angst, Freude, Hoffnung, Traurigkeit und Glück. Er steht unter ständigem körperlichen und geistigen Druck, erlebt absoluten Horror gleich neben purer Schönheit, ist gefangen und gleichzeitig frei – von der Kontrolle durch die Familie. Sämtlichen Hormone spielen verrückt. Von einem Tag zum anderen bist du nicht mehr Kind, sondern Mann. Du hast das Recht zu leben und zu lieben wie ein Mann. Aber du hast auch neue Pflichten: Du musst bereit sein zu hassen, zu töten und zu sterben.

Die zwanglose Vertrautheit der Männer in der Armee hat ohne Zweifel etwas Homoerotisches. Damit umzugehen, kann für einen schwulen Soldaten sehr verwirrend und schwierig sein. Die Soldaten küssen und umarmen sich, sagen als Gruß »Ich liebe dich, mein Bruder!«. Sie teilen sich manchmal zum Schlaf eine winzige Matratze, stehen gemeinsam unter der Dusche, albern im Waschraum nackt herum wie kleine Jungs, spritzen sich gegenseitig nass und bewerfen sich mit Seife. Und es kommt  vor, dass sie zusammen onanieren.

1988 kam ich zur Armee. Ich war gerade achtzehn. In einer Fotoserie in diesem Buch habe ich versucht, die Emotionen zu rekonstruieren, die mich damals ganz plötzlich überfielen. Die Isolation, die Verwirrung der Gefühle, die sich aus dem Widerspruch zwischen der erlaubten »brüderlichen Liebe« und der sexuellen Anziehung ergab, die meine Kameraden auf mich ausübten. Ich hatte Angst und gleichzeitig schwelgte ich in verbotenen Fantasien.

Soldaten sind bildschön. Sie sehen männlich und selbstsicher aus. So auch die Soldaten auf meinen Fotos. Aber sieh’ in ihre Augen: Sie offenbaren die wahren Gefühle. Ein prächtiger Körper, jugendlich, maskulin und voll sexueller Kraft, kann irreführen. Nur die Augen erzählen dir die wahre Geschichte. Es ist eine Geschichte von tiefer Einsamkeit, verborgener Leidenschaft, Furcht und Unsicherheit. Kannst du es sehen? Es waren die Augen eines anderen einsamen Soldaten in meinem Stützpunkt, die mich entdecken ließen, dass ich nicht allein war.

Nach meinen Erfahrungen beim Militär und meiner »Selbstfindung« war meine Verunsicherung nicht vorbei. Ich fürchtete mich vor dem ersten Treffen mit einem Mann, mit dem ich über eine Anzeige Kontakt aufgenommen hatte. Ich hatte Angst davor, dass eine lange und leidenschaftliche Nacht irgendwann zu Ende gehen würde. Ich sah die Konflikte, die sich daraus ergeben, eine Beziehung zu haben und zusammen zu leben. Da war die Leere in mir nach Nächten hitziger Leidenschaft. Es gab Fantasien von zufälligen Begegnungen am Strand. Ich habe nach verborgenen Wahrheiten gesucht, nach der Verletzlichkeit hinter der Stärke, nach Schönheit, die von Dauer ist. Ich habe Traurigkeit und Furcht in der Schönheit entdeckt. All dies wollte ich mit meinen Bildern einfangen. Manchmal bin ich sogar zum Fotografieren an die »Originalschauplätze« meiner Erlebnisse zurückgekehrt.

Einige der Bilder in diesem Buch sind »gestellt«, andere sind »echte« Schnappschüsse. Erstere schildern eine frühere Periode meines Lebens, als jede erotische Zuneigung zwischen Männern eine bloße Fantasie war, ein Traum, ein Ideal. Das Ergebnis waren »Traumbilder« wie das von den drei Männern am Strand. Später entdeckte ich das wirkliche Leben und begann damit, es mit meinen Schnappschüssen zu dokumentieren. Ich habe nach dem »Göttlichen« gesucht, das sich in diesen Alltagsszenen verbirgt und das jeder von uns in sich trägt. 

 

Übersetzung des englischen Vorworts von Kobi Israel zu »Kobi Israel Views«


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