| DIESES BUCH IST EINE REISE in meine Seelenwelt aus Erinnerungen, Kämpfen
und gefangenen Gefühlen. In den Bildern die in diesem Band präsentiert
werden, versuche ich Fragmente nachzubilden und neu zu erfinden. Fragmente meines
eigenen Lebens und meiner Psyche als junger Israeli, der in einer "Macho"-Gesellschaft aufgewachsen ist, in der Gefühle für andere
Männer zwar oft körperlich zum Ausdruck gebracht werden, aber nur selten die gefährliche
Grenze zwischen einer brüderlichen Umarmung und einer Umarmung aus
Liebe und Begehren überschritten wird. Dieses Dilemma kommt besonders stark im Militärleben zum Ausdruck,
in dem die Redensart "Ani Ohev Otcha Achi" ("Ich liebe dich,
mein Bruder") ein üblicher Gruß ist.
Alle jungen Israelis müssen sich im Alter von 18 für drei Jahre
der Armee anschließen. Vom ersten Tag in der Armee an wird die Persönlichkeit der Jugendlichen von ihren Befehlshabern unterdrückt und sie werden
Teil einer gemeinschaftlichen Existenz voller starker und
gegensätzlicher Gefühle: Ängste, Freuden, Hoffnungen,
emotionale und körperliche Belastungen, Verpflichtung
und Freiheit (vom bisherigen zu Hause und den Eltern), Horror
und Schönheit, Traurigkeit und Fröhlichkeit und
... einer Überdosis aller Arten von Hormonen. Über
Nacht vollzieht sich der Wendel vom Jungen zum Mann –
und als Mann hat man das Recht (und manchmal auch die Pflicht)
zu lieben und zu hassen, zu leben und zu sterben - und zu
töten.
Die dünne Trennlinie zwischen einer Männergesellschaft und
einer Männerliebe in der Armee kann besonders für einen schwulen Soldaten verwirrend
und zermarternd sein: Soldaten umarmen und küssen einander, sagen "Ich
liebe dich, mein Bruder", schlafen beieinander - lehnen sich manchmal
sogar an die Brust des anderen oder teilen eine winzige Matratze. Sie stehen gemeinsam unter der Dusche, wo sie einander mit Wasser bespritzen und mit Seife
bewerfen - "Spiele für Jungs" spielen - und manchmal miteinander
wichsen.
Ich kam 1988 mit 18 Jahren zur Armee. In einer Serie von Fotos in diesem
Band habe ich versucht das Gefühl der Einsamkeit nachzubilden, das
ich plötzlich fühlte, hin und her gerissen zwischen verwirrenden
Gefühlen von "brüderlicher" Liebe für meine Kameraden und ihrer
sexuellen Anziehung einerseits und einer von Schönheit und Fantasie versüßten
Angst andererseits.
Soldaten scheinen männlich, selbstsicher und schön, so wie
die Soldaten auf meinen Fotos. Aber schauen Sie in ihre Augen, sie offenbaren die wirklichen Gefühle. Ein Körper voller Schönheit, Männlichkeit
und der hervorbrechenden Sexualität der Jugend kann in die Irre führen: nur die Augen
spiegeln die ganze Geschichte einer tiefen Einsamkeit, einer versteckten und verbotenen Leidenschaft, von Angst und Verwirrung. Können Sie es sehen?
Die Augen eines anderen einsamen Soldaten meines Camps führten mich
in die Freiheit und zu der Entdeckung, dass ich nicht allein bin.
Der Erfahrung der Armee und meiner selbst folgten weitere Ängste
und mehr Verwirrung: Angst vor dem ersten Treffen mit einem Mann (als Antwort
auf eine Kleinanzeige); Angst vor dem Ende einer leidenschaftlichen Nacht;
der Widerstreit zwischen dem Wunsch nach einer Partnerschaft und den Problemen,
als Paar zu leben die Fantasie von zwanglosen Zusammentreffen am Strand;
die Suche nach einer verborgenen Wahrheit; Zerbrechlichkeit hinter Stärke;
die Vergänglichkeit von Schönheit und die Traurigkeit und Angst,
die in diesem Gedanken steckt - dies sind die inneren Konflikte, die ich in
einer Reihe von Aufnahmen nachzubilden versuchte. In einigen Fällen bin
ich sogar an die Orte meiner Erfahrungen zurück gekehrt, um die Bilder dort
zu machen.
Einige der Fotos in diesem Band sind "gestellt" und einige
sind Schnappschüsse aus dem "wahren Leben". Die "gestellten"
gehören zu einer vergangenen Phase meines Lebens, in der jede Art von Zuneigung und Liebe zwischen Männern eine bloße Fantasie war, ein Traum, ein
"Ideal". Das Resultat sind "traumhafte" Fotos, wie das der drei Männer
am Strand. Später habe ich "das wahre Leben" für mich selbst
entdeckt und mich daher auf eine Fotografie aus Schnappschüssen verlegt - auf der Suche
nach dem "göttlichen" in jenen alltäglichen Szenen (wie der
Duscheszene), dem "göttlichen", das in uns allen und jenen, die uns umgeben,
versteckt ist. Dies ist die neue Richtung, die ich eingeschlagen habe .
Ich hoffe, Sie finden Gefallen an meiner Reise und entdecken Ihr innerstes Selbst irgendwo zwischen diesen Fotos. Lassen Sie mich wissen, falls
es ihnen gelingt. Kobi Israel, London. |